150 Jahre Turnen: Der Sport fördert die Gemeinschaft

Per Überschlag in die Küche

Der TV Ebern feiert in diesem Jahr seinen 150. Geburtstag. Die 73-jährige Maria Stahl blickt auf ihre Zeit als aktive Turnerin und Leichtathletin zurück.

Die bekannte Seniorwirtin der Eberner Frankenstuben Maria Stahl hat viel zu erzählen. Die Erinnerung ist bei ihr noch allgegenwärtig. Sie wurde in die Familie Spitlbauer geboren. Damals war das „Café am Markt“ in Ebern noch im Familienbesitz der Spitlbauers. Sie war die einzige Tochter. „Ich war, bis ich 27 Jahre alt war, zu Hause und Mädchen für alles – im Laden, im Café und in der Backstube. Einer musste ja damals daheim bleiben. Mein Bruder ist fort, um einen Beruf zu erlernen. Eigentlich wollte ich immer Friseurin lernen“, erzählt Maria Stahl über ihre Kinder- und Jugendzeit am Eberner Marktplatz.

Maria Stahl vom TV Ebern mit Fahne

Maria Stahl vom TV Ebern mit Fahne

Im Alter von acht Jahren hat sie das Turnen angefangen und hat sich mit einem Handstandüberschlag zwischen Verkaufsladen und Cafe umher bewegt. „Das Turnen habe ich von meiner Mutter. Die hat auch schon geturnt. Und mittlerweile zieht es sich durch die Generationen hindurch. Eine meiner Töchter ist in Hofheim turnerisch sehr aktiv.“ Der TV Ebern war damals die einzige Möglichkeit, um sich in Ebern sportlich zu bestätigen. „Mitgliederformular oder so gab es da noch nicht. Wenn man dabei war, dann war man einfach dabei. Und jetzt bin ich mittlerweile 63 Jahre Mitglied beim TV Ebern“, schmunzelt Maria Stahl.

„Der Sport, ja, das war mein großes Hobby“, verrät die Seniorin und schaut dabei ganz verträumt aus dem Fenster der eigenen Wirtsstube. Mit diesem Thema kann man Maria Stahls Augen zum Leuchten bringen. Neben dem Turnen war sie auch als Leichtathletin aktiv. „Das Laufen und das Werfen waren meine Stärken. Bei den Gauturnfesten und anderen Turnfesten habe ich dann meistens gemischten Siebenkampf gemacht. Das war Geräteturnen und Leichtathletik zusammen“, berichtet sie über ihre Erfolge als aktive Sportlerin.

Für ihr einziges Hobby hat sich Maria Stahl immer abends nach der Arbeit die Zeit genommen. Dann ist sie laufen gegangen oder hat zweimal pro Woche die Turnstunden besucht. „Wir haben geturnt, auch mal Völkerball gespielt – aber es wurde auch viel geblödelt. Der Spaß und die Kameradschaft kamen nicht zu kurz“, schildert sie.

Im Alter von 19 Jahren hat Maria Stahl die Rolle der Übungsleiterin für das Mädchen- und Frauenturnen übernommen. Wie viele Eberner Kinder sie die ganzen Jahre beim Turnen begleitet hat, weiß sie heute nicht mehr. „Auf alle Fälle waren der Alfons und die Hanne Müller auch unter meinen Schützlingen. Die haben ja dann das Turnen viele Jahre lang weitergeführt.“ Noch heute kommen Leute auf sie zu und sagen: „Mensch Maria, du hast uns damals das Turnen beigebracht.“ Da lächelt sie dann.

Durch die Übernahme der Funktion als Übungsleiterin wurde die junge Ebernerin auch immer wieder auf Lehrgänge und zu Deutschen Turnfesten geschickt. „Mit dem Zug fuhr ich nach Grünwald in die Sportschule. Mit dem Fahrrad sind wir von Ebern nach Zeil zum Turnfest. Wir haben in Schulen und Pfarrheimen und auf Stroh übernachtet“, schwärmt Maria Stahl von den alten Zeiten.

So viele Turnhallen, wie es heute in Ebern gibt, gab es damals noch nicht. „Als es noch keine Turnhalle gab, haben wir im Streitsgarten geturnt. Am alten Sportplatz waren wir dann auch mal in der Halle vom Kreisjugendring. Und dann kamen Jahre, als wir immer nach Rentweinsdorf in die Halle gefahren sind. Da war dann auch gemischtes Turnen, also Männer und Frauen zusammen“, beschreibt die ehemalige Leichtathletin. Dass damals vor allem Wald und Wiese zum Turnen benutzt wurden, wird deutlich, wenn Maria Stahl von einem Leichtathletikwettbewerb auf dem Staffelberg erzählt: „Da habe ich geworfen, und der Ball ist im Wald gelandet.“

Siegerurkunden, Medaillen und Lorbeerkränze hat Maria Stahl leider nicht mehr. Dass sie oftmals die ersten Plätze bei Wettbewerben und Turnfesten belegt hat, weiß sie schon. Ein Haufen Fotos aus ihrer aktiven Zeit als Turnerin hat sie noch. Aber was ganz fest in ihr sitzt, ist die Erinnerung an die schöne Kameradschaft, die sie während ihrer Turnerzeit erfahren hat: „Die Kameradschaftsabende waren immer schön. Da sind verschiedene Vereine zusammengekommen und haben sich etwas vorgeturnt. An Christi Himmelfahrt haben wir dann die traditionelle Götzwanderung gemacht – zum Weißfichtensee oder nach Mürsbach. Und dann gab es in Ebern ja auch noch zahlreiche Tanzböden, wo wir immer hingegangen sind. Freundschaften und Kameradschaft – das sind wertvolle Geschenke meiner Turnerzeit.“

Damals wurde in den Übungsstunden noch ohne Musik geturnt. Auf den Turnfesten lief ab und zu mal musikalische Umrahmung, aber das Turnerlied wurde von jedem gesungen: „Turner auf zum Streite, tretet in die Bahn, Kraft und Mut geleite uns zum Sieg hinan. Ja zu hö’rem Ziel, führet unser Spiel…“ Maria Stahl kann es nach so vielen Jahren immer noch.

Heute ist Maria Stahl nur noch passives Mitglied im TV Ebern. Aber passiv ist sie noch lange nicht, auch wenn ihr Knie manchmal nicht so mitmacht, wie sie es gerne hätte. Sie ist immer beschäftigt und hat Kontakt zu vielen Leuten. Letztes Jahr war es die Mittelmeerkreuzfahrt, jetzt steht die Fahrt ins Blaue an, die sie für sich und andere Freunde organisiert hat. Dann sind da die drei Kinder und sieben Enkel. Im Gasthof Frankenstuben in Ebern, den sie aus eigener Kraft aufgebaut und im Jahr 1995 an ihren Sohn übergeben hat, hilft sie immer noch mit Leib und Seele mit.

Erst ein Angebot, dann der Abschied

Maria Stahl vom TV Ebern im Interview

Maria Stahl vom TV Ebern im Interview

Gedanken, ihr Hobby zum Beruf zu machen, geisterten in Maria Stahls Zeit als junge aktive Turnerin öfters herum: „Manchmal war es schon ein bisschen mein Wunsch. Ich war ja immer sportlich unterwegs. Auch in den Ballsportarten war ich gut. Der Sport steckte damals einfach in mir und ich wurde von vielen gelobt.“

Dann kam das erste konkrete Angebot: „Meine Mutter hat mir eines Tages gesagt: Du Maria, die von der Realschule waren da, die möchten dich gerne als Sportlehrerin haben.“ Aber zu diesem Zeitpunkt war es schon zu spät, denn Maria Spitlbauer heiratete im Alter von 27 Jahren und zog mit ihrem Mann nach Aschaffenburg.

„Das Turnen musste ich dann aufgeben. In Aschaffenburg konnte man als Frau abends kaum alleine weggehen, da sind einem ja die Burschen nachgegangen. Und dann habe ich ja auch meine drei Kinder bekommen. Da bleibt keine Zeit für ein Hobby.“ Von der Turnergemeinschaft des TV Ebern gab es für die treue Mannschaftskameradin Maria Stahl und ihrem Mann eine große Verabschiedung am Polterabend. Sie würde lügen, wenn sie nicht sagen würde, dass sie die Turnerfreunde und die angenehme Kameradschaft in Aschaffenburg sehr vermisst hat. „Das waren alles sehr schöne Zeiten.“

Abdruck mit freundlicher Genehmigung
Zeitungsbericht vom 06.04.2013 des Fränkischen Tag; Artikel von Johanna Eckert

Diskutieren Sie mit uns über diesen Artikel!

Ihre Email-Adresse wird niemals veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit * gekennzeichnet.